Ich war gestern, am 22. Mai 2019, beim Bürger-Talk des SWR in Mannheim zu Gast. In der alten Feuerwache wurde die aktuelle Sendung “Mal ehrlich – sind uns Frauen weniger wert?” aufgezeichnet. Natürlich genau mein Thema, denn das Thema Gleichstellung treibt mich schon lange um. Ich möchte bessere Rahmenbedingungen für Frauen im Berufsleben schaffen – und damit natürlich auch für unsere Kinder und alle nachfolgenden Generationen.

Diese Woche feiern wir 70 Jahre Grundgesetz. Darüber habe ich Anfang des Jahres schon ziemlich gelacht. Als der Moderator von “Mal ehrlich – sind und Frauen weniger wert?”, Florian Weber, den Artikel 3 unseres Grundgesetzes wiederholte, habe ich mir die Aussage nochmals auf der Zunge zergehen lassen. Hier zur Erinnerung:

Grundgesetz, Artikel 3

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

Die Realität im Berufsleben sieht aber anders aus und Florian Weber hat das auch zitiert: Frauen verdienen im Schnitt 21% weniger als Männer. Und Frauen bekommen nicht mal halb so viel Rente, wie Männer.

70 JAHRE!
Und wir haben so einen Gender Pay Gap und immer noch keine Gleichstellung der Geschlechter erreicht! Aber wie schon der erste Talkgast, Elisabeth Konz aus Mainz, gesagt hat: “Gleichberechtigung (…) steht auf unserem Papier. Das heißt aber nicht, dass wir in der Arbeitswelt auf gleicher Augenhöhe mit Männern gesehen werden.”

Der Einspieler: zwei kurze Minuten vollgepackt mit dem deutschen Best-Of der Diskriminierung von Frauen

In den ersten Minuten der Sendung wurde ein kurzer Einspieler gezeigt: ganze zwei Minuten war er lang – aber er hatte es in sich! Da wurde einem teilweise sehr überraschten Publikum (ich konnte das ja beobachten) erklärt, dass bis in 50er Jahre Lehrerinnen wegen der Doppelbelastung nicht heiraten durften. Aufgehoben wurde dieses “Lehrerinnenzölibat” (galt übrigens nicht für Lehrer) erst 1957. Ein Personalleiter aus den 50ern wurde zitiert mit der Aussage, dass auf die Einstellung von Frauen doch im Interesse der Kinder verzichtet werden solle, weil sonst die Kinder vernachlässigt und mangelhaft erzogen werden.

Alter Hut? Ne, ne, ganz und gar nicht! Als ich mich 2013 in verschiedenen Unternehmen beworben habe, stand nicht meine Qualifikation im Vordergrund, sondern immer wieder meine Mutterschaft. Ich musste mir wiederholt in Vorstellungsgesprächen Sätze wie diesen anhören:

“Frau Weinmann, glauben Sie wirklich, dass sie zu 100% arbeiten können? Sie haben noch recht kleine Kinder, ich weiß wie das ist….”

Mein Mann, damals Vater von kleinen Kindern, hat sich das nicht einmal in seinen Vorstellungsgesprächen anhören müssen.

Der Einspieler hat noch ein weiteres Unding thematisiert: 1977 wurde abgeschafft, dass die Gattin nur mit der Zustimmung des Ehemannes arbeiten darf.

Gibt es heute nicht mehr? Pustekuchen 😉 Als ich auf dem in 2018 mit meiner kompletten Familie auf dem Barcamp in Stuttgart in meiner Session das Thema “Gleichstellung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf” angeschnitten habe, meinte eine Frau, dass der Mann ihrer Bekannten nicht will, dass seine Frau arbeitet. WIR LEBEN IM 21. JAHRHUNDERT!!!! Hallo! Mein Mann und ich waren damals ziemlich irritiert.

Aber es gibt in meinem Umfeld auch gegenteilige Stimmen: Ein junger Wirtschaftswissenschaftler einer Universität hatte seiner Partnerin vorgeschlagen, die Kindererziehung zu übernehmen. Die lehnte dankend ab, das wolle sie nicht.

Zurück zum Einspieler: Dort wurde gezeigt, dass die Frau seit 1962 das Recht auf ein eigenes Bankkonto hat. Früher mussten Frauen das Geld abliefern, denn der Mann verfügte über ihr Einkommen und Frauen bekamen oft nur ein karges Taschengeld. Das ist heute ja zum Glück anders. Oder doch nicht? Denn auch hier: oft bilden sich in Partnerschaften aufgrund des unterschiedlichen Einkommens Machtverhältnisse heraus. Und wer weniger verdient, zieht dabei oft den Kürzeren. Und das ist fast immer: die Frau.

Der Einspieler hat auch kurz die Frauenquote im Landtag im Jahr 1968 thematisiert. In Baden-Württemberg gab es damals nur eine einzige weibliche Abgeordnete: Hanne Landgraf. Neugierig wie ich bin, habe ich mal geschaut, wie viel Frauen heute in den Landtagen quer durch Deutschland sitzen: Baden-Württemberg ist aktuell mit einem Frauenanteil von 24,5 % absolutes Schlusslicht in Deutschland.

Frauenanteil in den Länderparlamenten

Quelle: https://www.lpb-bw.de/frauenanteil_laenderparlamenten.html

Last but not least das Highlight des Einspielers: Trotz aller Widerstände und gesetzlicher Diskriminierung gab es in den 50ern auch Unternehmerinnen – und zudem sehr erfolgreiche! Eine davon: Erda Schenk. Sie leitete ein Industrieunternehmen und hat den Umsatz in 10 Jahren versechsfacht. Im Einspieler wird sie mit dem Satz zitiert: “Und außerdem gibt es im Gehirn kein Geschlecht”. Meine Meinung dazu: BRAVO!

Ich empfehle jedem, mindestens die ersten Minuten dieses Bürgertalks anzuschauen – alleine schon wegen dieses Einspielers!

Der Bürgertalk: verschiedene – und krasse! – Erfahrungen und Perspektiven rund um das Thema Gleichstellung

Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe sprach im Anschluss an den Einspieler über den Gender Pay Gap, über unbezahlte Sorgearbeit und über das Entgelttransparenzgesetz. Und darüber, dass es in Deutschland nicht selbstverständlich ist, einen Vergleich zu haben, wie viel denn die anderen verdienen (was in Skandinavien ganz anders ist).

Weiter ging es u. a. um den Schuhhersteller Birkenstock, der über Jahre und Jahrzehnte hinweg Frauen grundsätzlich einen Euro weniger Stundenlohn zahlte als Männern.

Inge Gräßle (CDU), Mitglied des Europaparlaments vertritt die Frauenquote und Lohntransparenz und kämpft dafür, die männliche Monokultur zu durchbrechen.

Ursula Kist hatte einen Schockzustand als sie ihren Rentenbescheid in die Hände bekam. Sie hat mit 46 Beitragsjahren (inkl. Pflege der Eltern und drei kleinen Kindern) eine extrem niedrige Rente (die Höhe wollte sie nicht verraten) und arbeitet jetzt als Rentnerin wieder in Teilzeit als Frisörin, um über die Runden zu kommen.

Dr. Christiane Palm spricht in ihrer Arbeit als Frauenärztin das Thema Elternzeit und Aufteilung der Aufgaben bei den Frauen bzw. Paaren offensiv an. Letztendlich machen ihrer Erfahrung nach fast alle Paare das gleiche: “Sie gehen als modernes Paar in den Kreißsaal rein und kommen als 50er Jahre Paar heraus.”

Und dann kommt mein Auftritt: bei Minute 37:20 spreche ich über meine Erfahrung als Coach von Müttern, die nach der Elternzeit keine Chance mehr haben, ihre frühere Position im Konzern zurückzubekommen – und dass das Gleiche auch für Männer gilt.

Mein Auftritt beim Bürgertalk des SWR zur Frage “Mal ehrlich – sind uns Frauen weniger wert?” am 22. Mai 2019.

Der ganzen Bürgertalk ist hier in der SWR-Mediathek zu finden.

Meine persönliche Meinung zur Frage “mal ehrlich – sind uns Frauen weniger wert?”

Wir haben das 21. Jahrhundert und reden immer noch über die Gleichstellung von Frau und Mann. Was für ein Armutszeugnis für die Menschheit – jetzt mal ganz ehrlich!

Schauen wir uns die skandinavischen Länder, wie Schweden und Norwegen an: die haben uns einiges voraus in Sachen Teilzeit, Kindererziehung sowie die Gleichstellung von Mann und Frau. Sie arbeiten aber auch schon seit 50 Jahren daran und haben dafür u.a. in den 60er Jahren das Ehegattensplitting “abgesägt” wie Meike Van Den Boom im Bürgertalk so schön gesagt hat. Sie wohnt in Schweden und beschreibt das Leben bzw. Arbeiten in Skandinavien anhand eines Zitats, das ihr ein HR-Manager (übrigens weiblich) eines börsennotierten Unternehmens mit 50.000 (meist männlichen) Mitarbeitern gesagt hat: “Männer raus in die Familie, Frauen rein in die Unternehmen.” Weil, so erzählt sie weiter: “Gesellschaftliche Veränderung, das kann kein Problem der Frauen sein, das geht uns alle an.”

Es ist Wut und Enttäuschung, die mich gerade antreiben, diese Zeilen zu schreiben.

Es ist wirklich lächerlich, dass wir im Jahr 2019 immer noch darüber sprechen und ich meinen Töchtern erklären muss, dass es mit der Gleichstellung in Deutschland und auf der gesamten Welt einfach nicht funktioniert.

Ich finde, es ist ein Skandal, dass sich junge Frauen in Führungspositionen überlegen, ob sie überhaupt eine Familie gründen sollen, weil sie dann Einbußen in der Karriere hinnehmen müssen.

In den 1960ern fragte man: “warum schickt man ein Mädchen auf das Gymnasium? Sie heiratet doch!” Aber so anders sind die Sätze, die Eltern heute ihren Töchtern sagen, auch nicht: “Studiere Lehramt oder geh’ in die Verwaltung, da hast du einen sicheren Job und kannst in Ruhe eine Familie gründen.

Wirklich: Ich fange jetzt gleich das Heulen an. Denn: Eltern, die ihren eigenen Kindern solche Ratschläge geben, wundern sich dann, dass die Kinder unglücklich im Job sind, krank werden oder sogar einen Burnout oder eine Depression bekommen. Aber das ist wieder ein anderes Thema 😉 Schreibe ich vielleicht auch mal was dazu.

Spielt sich die moderne Familie nur als Wunschdenken im Kopf ab?

Wenn Paare gemeinsam eine Wohnung suchen und zusammenziehen, dann ist nicht von vornherein klar, dass die Küche zur Frau gehört und das Wohnzimmer dem Mann, wo er seine Füße hochlegen und sich ausruhen kann. Dieses Bild ist Gott sei Dank und hoffentlich passé. Oder vielleicht doch nicht? Denn wie ich kürzlich erfahren habe, ist das teilweise gang und gäbe in Familien: Der Mann kommt um 16:00 Uhr nach Hause legt seine Beine hoch und macht den Fernseher an. So nach dem Motto: Was für ein stressiges Leben – das habe ich mir verdient!

Die Frauen haben heute sehr gute Abschlüsse, sind erwerbstätig und steigen auf der Karriereleiter nach oben. Doch früher oder später kommt das böse Erwachen. Sobald das erste Kind kommt, rutschen sie mehr oder weniger freiwillig in die Rolle der Vollzeitmutter. Im Bürgertalk hat Uta Meier-Gräwe dieses Phänomen als “Retraditionalisierung von Geschlechterrollen” bezeichnet: moderne Frauen nehmen, sobald sie Mutter werden, Rollen an, die als traditionell gelten.

Retraditionalisierung von Geschlechterrollen? Ja, mir ist es auch so ergangen: Als mein Mann und ich das erste Kind erwartet haben, haben wir diskutiert wer zu Hause bleibt. Da ich damals zwar eine bessere Position hatte als mein Mann, aber weniger verdiente (Stichwort 21% Gender Pay Gap), war klar, dass ich zuhause bleibe. Im tiefsten Inneren muss ich zugeben, war ich davon überzeugt, dass ich die Erziehung besser kann. Warum? Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon ist bestimmt, weil es mir immer wieder gesagt wurde: Mütter können besser erziehen.

Als ich dann nach einem Jahr Elternzeit wieder zu 70% arbeiten ging, war die klassische Rollenverteilung ebenfalls gegeben: Wir hatten beide einen anspruchsvollen Job in München. Zu Beginn konnten wir uns die morgendlichen Fahrten zur Tagesmutter aufteilen, das Abholen erledigte ich. Wir hatten leider keinen Ganztagesbetreuungsplatz bekommen und eine private Kita wollten wir uns nicht leisten. Zu einem späteren Zeitpunkt war es aufgrund beruflicher Veränderungen meines Mannes nur mir möglich unsere Tochter zur Tagesmutter zu bringen und wieder abzuholen.

An meinem Geburtstag im Februar 2012, als ich gerade in einem von mir organisierten Workshop mit über 10 Teilnehmern war, rief unsere Tagesmutter an: ich solle sofort meine Tochter abholen, sie habe gespuckt. Ich schrieb meinem Mann “kannst du bitte die Kleine abholen, ich bin in einem wichtigen Meeting”. Zurückkam: “nein, kann ich nicht, ich auch.”

Ja, was tut man da?

Haben die Unternehmen hierfür Verständnis? Ich hatte das Gefühl, dass kein Verständnis für meinem Mann und mich übrig war. Und ganz ehrlich, als ich noch keine Kinder hatte, hätte ich auch kein Verständnis für die Mutter gehabt, die wegen eines Kindes ein wichtiges Meeting verlässt.

Mein persönliches Fazit zum Thema Gleichstellung

Ich bin davon überzeugt, dass solange es keine Gleichstellung von Mann und Frau in Deutschland gibt, jeder für sich seinen individuellen Weg finden und gehen muss. Was mir jedoch auffällt, und das sollte den Unternehmen zu denken geben, ist:

Immer mehr gute und qualifizierte Frauen verlassen die Unternehmen und machen sich selbstständig, weil die Gleichstellung noch nicht so fortgeschritten ist: also keine flexiblen Arbeitszeiten, kein Jobsharing, ungleiche Bezahlung usw.
Erst, wenn Mann und Frau gleichgestellt sind, sie auch in Führungspositionen flexibel arbeiten und sich die Kindererziehung teilen können, erst dann bekommen wir das alte Rollenbild aus unseren und den Köpfen unserer Kinder raus. Und dann wird es bei der Geburt des ersten Kindes die Retraditionalisierung von Geschlechterrollen nicht mehr geben.

Ich schreibe regelmäßig über die Themen Selbständigkeit als Mutter und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und manchmal rege ich mich dabei auch ein bisschen auf 😉 Du möchtest keinen meiner Blogartikel verpassen? Dann trage dich hier in meinen Newsletter ein und erhalte die Anleitung für deine Standortbestimmung als ambitionierte Frau.